Die Gemeinkosten wachsen in vielen Unternehmen immer weiter – und lassen sich mit pauschalen Zuschlägen kaum noch verursachungsgerecht verteilen. Genau hier setzt die Prozesskostenrechnung an. In dieser Lektion lernst du ihren Aufbau und das Vorgehen in sechs Schritten, inklusive aller Formeln und eines durchgerechneten Beispiels.
🎯 Was ist die Prozesskostenrechnung?
Die Prozesskostenrechnung (PKR) ist ein Instrument der Vollkostenrechnung. Ihr Ziel: möglichst viele Gemeinkosten verursachungsgerecht verrechnen und so eine genauere Kalkulationsgrundlage schaffen. Der größte Nachteil sind die hohen Kosten der Methode – vor der Einführung muss man also abwägen, ob der Nutzen sie rechtfertigt.
In der PKR wird ein Teil der Gemeinkosten als Prozesskosten abgegrenzt und über mengenbezogene Prozesskostensätze verrechnet. Der Rest bleibt klassischer Gemeinkostenzuschlag auf Basis der Einzelkosten.
🧩 Einordnung ins Gesamtsystem
Angenommen, der Betriebsabrechnungsbogen (BAB) ist fertig und nur die Kostenstelle Fertigung wird auf die PKR umgestellt. Dann gilt:
- 📊 Material, Verwaltung, Vertrieb: wie gewohnt prozentuale Gemeinkostenzuschläge (Bezugsgröße = Einzelkosten).
- ⚙️ Fertigung: kein Zuschlagssatz, sondern Prozesskostensätze (Bezugsgröße = Leistungsmenge).
Die folgenden sechs Schritte zeigen, wie die Umstellung dieser einen Kostenstelle abläuft.
1️⃣ Schritt 1: Tätigkeitsanalyse
Zuerst werden alle einzelnen Tätigkeiten der Kostenstelle erfasst – also jede Aktivität, die in der Fertigung tatsächlich anfällt. Diese Bestandsaufnahme nennt man Tätigkeitsanalyse. Sie ist die Grundlage dafür, später sinnvolle Prozesse zu bilden, und macht transparent, wofür in der Kostenstelle überhaupt Aufwand entsteht.
2️⃣ Schritt 2: Teilprozesse bilden
Tätigkeiten, die zeitlich und logisch zusammengehören, werden zu Teilprozessen gebündelt. Im Beispiel entscheidet sich die Controlling-Abteilung für vier Teilprozesse:
- 🛠️ Fertigungsvorbereitung
- 📦 Materialversorgung
- 🎛️ Fertigung steuern
- 👔 Abteilung leiten
3️⃣ Schritt 3: Gemeinkosten zuordnen
Die im BAB ermittelten Gemeinkosten – im Beispiel 115.000 € – werden nun verursachungsgerecht auf die Teilprozesse aufgeteilt. In der Praxis geschieht das über Belege oder Schätzungen; in Prüfungsaufgaben ist diese Zuordnung meist schon vorgegeben.
4️⃣ Schritt 4: lmi und lmn trennen
Jeder Teilprozess wird als leistungsmengeninduziert (lmi) oder leistungsmengenneutral (lmn) eingestuft:
| Art | Eigenschaft | Vergleichbar mit |
|---|---|---|
| lmi | Kosten steigen mit der Anzahl der Kostentreiber (z. B. Fertigungsvorbereitung, Materialversorgung, Fertigung steuern) | variablen Kosten |
| lmn | Kosten unabhängig von den Kostentreibern (z. B. Abteilung leiten) | fixen Kosten |
👉 Ein Kostentreiber ist eine Aktivität, die proportionale Kosten auslöst – etwa die Anzahl der Fertigungsstunden, Materialeinlagerungen oder Maschinenstunden.
5️⃣ Schritt 5: Teilprozesskostensatz vor Umlage
Ab hier beginnen die meisten Prüfungsaufgaben. Für jeden lmi-Teilprozess teilst du die Prozesskosten durch die Prozessmenge (die Menge ist in der Aufgabe gegeben):
🧮 Satz vor Umlage = Teilprozesskosten ÷ Teilprozessmenge
Im Beispiel ergeben sich daraus 65 € (Fertigungsvorbereitung), 7,50 € (Materialversorgung) und 20 € (Fertigung steuern).
6️⃣ Schritt 6: Umlage und Gesamtprozesskostensatz
Die Kosten des lmn-Prozesses („Abteilung leiten") müssen ebenfalls verrechnet werden. Da sie keinen eigenen Kostentreiber haben, werden sie anteilig auf die lmi-Sätze umgelegt:
🧮 Umlage = (Σ lmn-Kosten ÷ Σ lmi-Kosten) × Satz vor Umlage
Beispiel mit lmn = 25.000 € und lmi-Kosten von 65.000 + 15.000 + 10.000 € = 90.000 €. Der Gesamtprozesskostensatz ist dann Satz vor Umlage + Umlage:
| Teilprozess (lmi) | vor Umlage | + Umlage | = Gesamtsatz |
|---|---|---|---|
| Fertigungsvorbereitung | 65,00 € | 18,06 € | 83,06 € |
| Materialversorgung | 7,50 € | 2,08 € | 9,58 € |
| Fertigung steuern | 20,00 € | 5,56 € | 25,56 € |
🔎 Rechnung Fertigungsvorbereitung: (25.000 ÷ 90.000) × 65 € = 18,06 € Umlage → 65 € + 18,06 € = 83,06 € Gesamtsatz.
📝 Prüfungsbeispiel: Mehlhändler Esko Bär
Esko stellt die Kostenstelle Material auf die PKR um. Mit den gegebenen Daten aus den Schritten 1–4 ergeben sich:
| Teilprozess | vor Umlage | + Umlage | = Gesamtsatz |
|---|---|---|---|
| Material bestellen | 33,33 € | 3,17 € | 36,50 € |
| Material einlagern | 100,00 € | 9,52 € | 109,52 € |
| Material verteilen | 95,00 € | 9,05 € | 104,05 € |
| Prozesskosten Kostenstelle Material | 250,07 € |
👉 Die Prozesskosten der gesamten Kostenstelle erhältst du, indem du die Gesamtprozesskostensätze addierst: 36,50 + 109,52 + 104,05 = 250,07 €.
🎯 Fazit
Die Prozesskostenrechnung verteilt Gemeinkosten verursachungsgerechter, indem sie Tätigkeiten zu Teilprozessen bündelt, diese in lmi und lmn trennt und über Prozesskostensätze verrechnet. Merke dir den roten Faden: Satz vor Umlage → Umlage der lmn-Kosten → Gesamtprozesskostensatz. So genau die Methode kalkuliert – sie lohnt sich nur, wenn ihr Nutzen die hohen Einführungskosten übersteigt.