Wann genau muss ein Unternehmen nachbestellen, damit das Lager nie leer läuft, aber auch nicht überquillt? Die Antwort liefert der Meldebestand. In dieser Lektion lernst du den Unterschied zwischen Bedarfsdeckung mit und ohne Vorratshaltung, die wichtigsten Bestellverfahren und wie du Meldebestand und Bestelltermine an einem kompletten Prüfungsbeispiel berechnest.
🏭 Bedarfsdeckung mit und ohne Vorratshaltung
Bei der Waren- und Materialbereitstellung unterscheidest du zwei Grundformen.
| Mit Vorratshaltung | Ohne oder mit geringer Vorratshaltung | |
|---|---|---|
| Idee | Waren liegen im eigenen Lager und stehen bei Bedarf sofort bereit | Ware kommt erst bei Bedarf oder direkt zur Fertigung |
| Vorteile | Ausgleich von Schwankungen bei Beschaffung, Produktion und Absatz, hohe Lieferbereitschaft, Preisvorteile durch Großeinkäufe | geringes Lagerrisiko (Beschädigung, Diebstahl, Verderb), geringe Kapitalbindung, niedrige Lagerkosten |
| Nachteile | höhere Lagerkosten, mehr gebundenes Kapital | starke Abhängigkeit von Lieferanten, Gefahr von Produktionsverzögerungen |
| Verfahren | Bestellpunktverfahren, Bestellrhythmusverfahren | Einzelbeschaffung im Bedarfsfall, Just in Time |
💡 Prüfungstipp: Schon ein Unwetter oder ein Stau kann einen Lieferanten in Verzug bringen. Typische Gegenmaßnahmen sind Sicherheitsbestände, Konventionalstrafen im Vertrag und Ersatzlieferanten.
🔄 Die vier Bestellverfahren
- Bestellpunktverfahren: Bestellt wird, sobald der Lagerbestand den Meldebestand erreicht.
- Bestellrhythmusverfahren: Bestellt wird in einem festen zeitlichen Rhythmus, zum Beispiel wöchentlich.
- Einzelbeschaffung im Bedarfsfall: Beschafft wird erst, wenn ein konkreter Auftrag vorliegt. Sinnvoll bei Material, das nicht vielseitig einsetzbar ist, zum Beispiel für Spezialmaschinen.
- Lagerlose Sofortverwendung (Just in Time): Die Fertigungsplanung bestimmt den Liefertermin, das Material wird fertigungssynchron geliefert und sofort verarbeitet. Sinnvoll bei hohem, genau vorausberechnetem Bedarf.
📐 Das Bestellpunktverfahren und der Meldebestand
Stell dir den Lagerbestand als Zackenkurve vor: Er sinkt durch den Verbrauch und springt bei jeder Lieferung wieder nach oben. Vier Begriffe musst du sicher auseinanderhalten.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Sicherheitsbestand | nicht verplanbarer Puffer (auch eiserner Bestand) für Lieferverspätungen, außergewöhnlichen Bedarf oder Bestandsunsicherheiten |
| Meldebestand | Bestand, bei dessen Erreichen eine Bestellung ausgelöst wird |
| Bestellpunkt | der Zeitpunkt, an dem der Meldebestand erreicht wird |
| Beschaffungszeit | Zeit für Angebotseinholung, Angebotsvergleich, Bestellung und Lieferung |
🧮 Formel Meldebestand
Meldebestand = durchschnittlicher Tagesverbrauch × Beschaffungszeit + Sicherheitsbestand
Warum wird nicht erst beim Sicherheitsbestand bestellt? Weil während der Beschaffungszeit weiter verbraucht wird. Der Meldebestand deckt genau diesen Verbrauch ab. Im Idealfall trifft die Lieferung ein, wenn der Bestand gerade den Sicherheitsbestand erreicht.
🔑 Merke: Das Bestellpunktverfahren eignet sich auch bei unregelmäßigem Verbrauch, weil es sich am tatsächlichen Bestand orientiert. Es schützt so vor Unterdeckung und Fehlbeständen.
✏️ Beispielaufgabe: Rohrmann GmbH
Die Rohrmann GmbH arbeitet mit dem Bestellpunktverfahren. Sie verbraucht täglich 50 Rohre, die Wiederbeschaffungszeit beträgt 5 Kalendertage, der Sicherheitsbestand 200 Stück. Jede Bestellung umfasst 500 Rohre. Am 1. April liegen 550 Rohre auf Lager.
Teil 1: Meldebestand berechnen
50 Stück/Tag × 5 Tage + 200 Stück = 450 Stück
Teil 2: Bestelltermine im April bestimmen
- Bestand am 1. April: 550 Stück. Am 2. April: 500 Stück.
- Am 3. April sinkt der Bestand auf 450 Stück und erreicht den Meldebestand: erste Bestellung.
- Bis zum 7. April sinkt der Bestand weiter auf 250 Stück. Am 8. April trifft die Lieferung ein: 250 − 50 + 500 = 700 Stück.
- Am 13. April ist wieder der Meldebestand erreicht: zweite Bestellung, Lieferung am 18. April.
- Am 23. April folgt die dritte Bestellung, Lieferung am 28. April. Bis zum 30. April sinkt der Bestand auf 600 Stück.
| Bestelltag | Bestand bei Bestellung | Liefertag | Bestand nach Lieferung |
|---|---|---|---|
| 3. April | 450 Stück | 8. April | 700 Stück |
| 13. April | 450 Stück | 18. April | 700 Stück |
| 23. April | 450 Stück | 28. April | 700 Stück |
💡 Prüfungstipp: Rechne die Tage sauber mit, am besten in einer kleinen Tabelle. Bei einer Beschaffungszeit von 5 Kalendertagen liegt die Lieferung 5 Tage nach dem Bestelltag, also Bestellung am 3., Lieferung am 8.
⏱️ Das Bestellrhythmusverfahren
Auch hier gibt es einen Sicherheitsbestand, aber keinen Meldebestand. Bestellt wird in festen Zeitabständen, zum Beispiel jeden Montag. Der Abstand zwischen zwei Bestellpunkten heißt Bestellrhythmus.
- Vorteil: einfache Planung, feste Abläufe mit Lieferanten.
- Nachteil: Schwankt der Verbrauch stark, kann der Bestand vor dem nächsten Bestelltermin zu weit sinken.
⚠️ Das Bestellrhythmusverfahren passt nur bei gleichmäßigem Verbrauch. Bei unregelmäßigem Verbrauch droht eine Unterdeckung. Verwechsle das in der Prüfung nicht mit dem Bestellpunktverfahren.
🧪 Typische Prüfungsfragen
- Wie berechnest du den Meldebestand?
- Was unterscheidet Bestellpunkt- und Bestellrhythmusverfahren?
- Welche Vor- und Nachteile hat die Vorratshaltung?
- Wofür dient der Sicherheitsbestand?
- Was versteht man unter Just-in-Time-Beschaffung und wann ist sie sinnvoll?
- Bestimme die Bestelltermine eines Monats bei gegebenem Verbrauch, Beschaffungszeit und Anfangsbestand.
🎯 Fazit
Beim Bestellpunktverfahren wird bestellt, sobald der Meldebestand erreicht ist: Tagesverbrauch × Beschaffungszeit + Sicherheitsbestand. Der Sicherheitsbestand ist ein unantastbarer Puffer, der Bestellpunkt der Zeitpunkt der Bestellung. Das Bestellrhythmusverfahren bestellt in festen Abständen und eignet sich nur bei gleichmäßigem Verbrauch. Ohne Vorratshaltung arbeiten Einzelbeschaffung und Just in Time, mit geringen Lagerkosten, aber hoher Abhängigkeit von Lieferanten.